SchlagwortDigitale Transformation

Warum Projekte wie MUNDO für mich aktuell kein Fortschritt sind

Ich schiebe diese Zeile jetzt schon etwas vor mir her, aber mein erster wirklich eigener Kontakt mit dem Projekt veranlasst mich nun doch meine Gedanken niederzuschreiben, auch wenn ich mich nicht bis ins letzte Detail mit dem Projekt, der Plattform und den einzelnen Elementen beschäftigt habe. Hier fängt das Problem nämlich schon an: Was ist eigentlich das genau Ziel von Mundo und was ist der Vorteil für mich als Lehrkraft bzw. für mich als Anbieter von freiem Lernmaterial? Ich nehme irgendwie beide Rollen ein und in keiner der Rollen erschließt sich mir sofort der Sinn und Zweck. Das kann natürlich daran liegen, dass ich zu doof bin, ihn zu sehen. Vielleicht wird er aber auch nur mäßig gut kommuniziert – vielleicht sind Sinn und Zweck aber auch gar nicht so klar, außer mal ein paar positive Schlagzeilen zu erzeugen, dass die Bundesländer in der Schule mal ein Projekt gemeinsam angehen.

Blick aus der Lehrerperspektive

Was ich mir als Lehrkraft spontan für ein solches Portal vorstellen könnte ist,

  • dass sich dort nur OER Material findet, welches ich entsprechend weiternutzen kann – ist nicht der Fall, es finden sich Inhalte mit diversen Lizenz- und Rechtemodellen.
  • dass ich alles Material dort direkt in mein LMS einbetten kann – ist nicht der Fall, da der Ersteller sowas natürlich selbst festlegt
  • dass sich dort Inhalte ganz spezifisch zum jeweiligen Lehrplan finden – ist nicht der Fall (und natürlich auch nicht einfach zu realisieren)
  • dass eine langfristige Verfügbarkeit und Nutzbarkeit garantiert wird – hängt auch völlig vom Anbieter des Contents ab
  • dass die datenschutzrechtliche Nutzbarkeit der Materialien geprüft und gesichert wird – passiert auch nicht und ist sicher auch nicht ganz einfach leistbar.
  • dass neue, digitale Inhalte professionell erstellt und zur einfachen Nutzung freigegeben werden – leider auch nur ein Wunschtraum

Im Prinzip bleibt also gefühlt erstmal nur eine Alternative zu Google für Schulmaterial. Aber warum sollte ich das nutzen und nicht direkt die Google-Suche mit all ihren Möglichkeiten und ihrem noch größeren, internationalen Katalog? Außerdem wird Schule ja immer vorgeworfen, dass sie weit von der Lebenswelt der Schüler*innen entfernt ist. Dieser Trend wird gefühlt durch so eine Plattform noch gesteigert, denn ich gehe mal davon aus, dass kaum jemals eine Schülerin oder ein Schüler Mundo als Suche nutzen wird, wenn eine fachliche Frage für die Schule geklärt werden soll.
Kurz: Es werden viele Millionen in ein Projekt gesteckt, dessen – Achtung, ganz böses Wort – „Mehrwert“ – vielleicht sogar dessen Wert mir aus Lehrerperspektive nicht klar ist, während an anderen Stellen Geld für das nötigste fehlt. Weil das neulich auf Twitter so viral ging, nenne ich als Beispiel nur Kopiergeld.

Blick als kleiner Inhalts-Anbieter

Dann gibt es noch den Blick als kleiner (bzw. am Rande auch sehr großer) Contentanbieter auf das Projekt. Damit mein altes Herzensprojekt zu den virtuellen Experimenten online von anderen gefunden wird, muss ich nur bedingt etwas tun. Google erkennt schon von sich aus, was auf den Seiten ist und zeigt es bei der Suche mal mehr und mal weniger prominent an. Klar könnte ich jetzt Zeit oder Geld investieren und das ganze zu optimieren, aber da das ja ein freies Projekt ist, mit dem ich keinerlei Einnahmen erziele, verzichte ich hierauf. Und trotzdem wird es gefunden und genutzt. Inzwischen könnte ich es auch irgendwie bei MUNDO verschlagen – macht aber natürlich Arbeit, die ich dann als kleiner Anbieter nicht in Inhalte investieren kann. Bei großen Anbietern mit x Materialien läuft das über technische Schnittstellen. Die gefühlte Folge ist, dass große Contentanbieter aktuell deutlich überrepräsentiert sind. Hierbei besteht die Gefahr, dass das Angebot gut mithilfe von finanziellen Mitteln beeinflusst werden kann, wenn z.B. Bankenverbände Material zur Finanzbildung auf breiter Front bereitstellen, die Autoindustrie z.B. über Umweltschutzaspekte beim Verkehr informiert oder Energieunternehmen Material über Atomkraft liefern. Weiter scheint die FWU für SODIX und damit für MUNDO (durch Nutzer empfohlene) Inhalte manuell in den Katalog zu importieren. Auf diesem Wege werden vermutlich auch meine virtuellen Experimente irgendwann dort zu finden sein, aber der E-Mail-Verkehr dazu verstärkt meine Skepsis gegenüber dem Projekt. Die erste Mail war 85% Eigenwerbung und anschließend auch keine echte, klare Anfrage zur Einbindung oder so, sondern einfach nur unklares Gewäsch. Nach einer Antwort (Kernaussage: ich weiß eigentlich nicht, was ihr wollt und was ich euch antworten soll) dann etwas klarer, dass sie einzelne Abschnitte verlinken wollen und Screenshots machen. Allerdings mit mehreren Smilies in der Mail als würden wir uns kennen und wären beste Freunde, aber mit falschem Namen (nein, die Mail kam eher nicht von einem Praktikanten, zumindest trug der Name unter der Mail einen Dr.-Titel). Danach noch eine kurze Mail-Schleife, da ich die Bitte ein LMU-Logo zu liefern natürlich ablehnen musste. Ich vermute mal, jetzt werden da händisch von irgendwem irgendwelche Einträge in ihre Datenbank gemacht. Problem: Sobald ich einen Link ändere oder den Content auf eine andere Domain umziehe (wie z.B. im letzten Jahr weg vom Uni-Hosting), dann läuft das alles ins Leere und jemand mit Zugriff auf das System muss die Links manuell ändern oder die Einträge löschen. Das erscheint mir alles wie eine Link-Liste nur in modernem Marketing verpackt – da waren wir inhaltlich vor 20 Jahren mal und müssen leider inzwischen feststellen, dass viele alte Angebote nicht mehr funktionieren oder umgezogen sind. Wenn das ganze also auf Dauer funktionieren soll, dann wird es nur für große Contentanbieter funktionieren oder es wird ständig manuelle Bearbeitung brauchen, die viel Geld kostet, aber keine Inhalte schafft.
Gefühlt wird das alles sicher nicht dazu beitragen, dass Lehrkräfte plötzlich zu Content-Anbietern für MUNDO werden – vor allem weil natürlich Hosting usw. weiterhin Privatsache ist. Das mag vielleicht alles so gewollt sein, ist gerade im Bereich der Physik (und nur den kann ich ernsthaft einordnen) aber ein herber Verlust, da es hier doch eine ganze Reihe an kleinen, lehrergetriebenen Angeboten gibt, bei denen die Evaluation im eigenen Unterricht sehr deutlich wird.

Vielleicht ist mein Blick auf das Ganze aktuell auch zu negativ, ich habe mich einfach noch nicht genug mit Ideen, Konzepten und Möglichkeiten informiert (kann gut sein – ich habe nur wenige Artikel wie z.B. von Jöran dazu quergelesen) und die intensive Nutzung von tausenden Lehrkräften wird das Gegenteil zeigen. Das wäre auch völlig okay, aber im Moment sehe und fühle ich nur ein Angebot, welches am Bedarf vieler Lehrkräfte vorbeigeht.

Und damit das ganze hier auch noch konstruktiv wird, wiederhole ich meine Forderung, dass ein Teil des Budgets, was z.B. für Schulbücher ausgegeben wird, in die Entwicklung von OER-Inhalten (INHALTEN, nicht Plattformen) geht. Am liebsten in gemischte Teams aus Lehrkräften, Fachdidaktikern, Textern, Grafikern, Programmierern usw. Dann könnten da wirklich gute Inhalte herauskommen, die die Schule voranbringen, die Aufgabenkultur verändern und vernetzendes Lernen ermöglichen. Auch würde ein großer Pool an Material geschaffen, der Schüler*innen einfacher zu öffentlich sichtbaren Produzenten von Inhalten machen könnte, was aus meiner Sicht auch dringend nötig ist.

MNU mit Vortrag und Workshop als Abwechslung zum Ref

zukünftige Kompetenzen SuS

Als willkommene Abwechslung zum Referendarsalltag stand in den letzten Tagen der Besuch des MNU-Bundeskongresses in Hannover an. Dabei durfte ich einen Vortrag zum Thema „Digitalisierung von Lernumgebungen“ mit Blick auf ein Wandel des Lernens bzw. Lehrens halten und einen Workshop zu „Interaktiven Videos“. Die Folien beider Veranstaltungen gibt’s am Ende des Artikels. Also am Freitag nach der Schule ab in den Zug nach Hannover. Die 4 1/2 Stunden Fahrt konnte ich noch gut gebrauchen, um dem Vortrag den letzten Schliff zu verpassen und einige konkrete Beispiele und Eindrücke einzubauen – schön, dass der Zug pünktlich war und das Internet funktionierte. Am Samstag dann zunächst zwei andere, interessante Beiträge über Mathe und über Fehlerkultur im Physikunterricht angehört und am Stand der Joachim Herz Stiftung bzw. LEIFIphysik vorbeigeschaut, bevor mein eigener Vortrag auf dem Plan stand. Trotz des gefühlt etwas schwammig weit gewählten Titels waren erfreulicherweise sehr viele Besucher da, beteiligten sich an den interaktiven Elementes des Vortrags und diskutierten am Ende und vor allem im Anschluss an den Vortrag noch einige Zeit. Wichtiger Grundtenor von Vortrag und Feedback: Wir müssen als Lehrkräfte aktiv werden und Einfluss nehmen auf Entwicklungsprozesse und Entscheidungen – auch was Ausstattung usw. angeht! Dann können wir das Lernen und Lehren nachhaltig verändern und (teilweise) neu denken.
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Deutsche Lehrmittelhersteller und Digitale Transformation

Besonders in Physik nutzt man ja häufig spezielles Experimentiermaterial, was im normalen Alltag nicht wirklich weit verbreitet ist. Im der Lehre wird es häufig noch spezieller, sodass es, um diesen Bedarf zu decken, spezielle Lehrmittelhersteller gibt. Die bieten alle möglichen Gerätschaften speziell ausgerichtet für Lernen und Lehren und für mich stellen einige dieser Hersteller (nicht alle!) gerade ein gutes Beispiel dar, wie weite Teile der deutschen Branche die digitale Transformation verpassen und damit ihren guten Rang verspielen. Beispiel das CASSY-Messwerterfassungssystem von Leybold.
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